Man öffne Haiti sein Herz – und nicht Betrügern
Angreifbar ist der Mensch an seiner schwächsten Stelle. Und dies ist oft einerseits das schlechte Gewissen darüber, sich keinen “kategorischen Imperativ” zu seiner “obersten Handlungsmaxime” erhoben zu haben (also es versäumt zu haben, ein guter Mensch zu sein oder darunter ernsthaft zu leiden, mehr zu haben, als andere). Die Angst vor dem – bisher aus dem Bewusstsein wegverleugneten – Leid und Tod, das einen selbst treffen könnte, ist eine weitere dieser schwachen Stellen.
Doch wenn Naturgewalten zuschlagen und die Errungenschaften der westlich geprägten Zivilisation und Technik ausgeschaltet werden, regt sich die schockierte Faszination, gepaart mit unendlichem Entsetzen – wann wird Haiti am eigenen Wohnort Realität? Über die psychische Wirkung solcher Art von Ereignissen sind sich Betrüger wohl bewusst. Sie errichten Webseiten mit den Namen “drk.de” oder “drk.com”, verschicken E-Mails, appellieren an Angst, Entsetzen, Mitleid. Teilen Kontoverbindungen mit, sodass jeder E-Mail-Empfänger dieser Schreiben mit seinem Herzen antwortet. Und Geld verliert.
Betrügerische Internetauftritte kopieren die Originale, simulieren Ernsthaftigkeit, täuschen Authentizität vor. Doch sie machen Fehler. Einer dieser besteht darin, dass eine solche Organisation niemals E-Mails mit Spendenaufrufen verschickt (zumindest nicht dann, wenn man nicht einmal nachvollziehen könnte, woher sie die eigene E-Mail-Anschrift hätten). Die Originale haben ein untrügliches Merkmal: Sie haben authentische Telefonnummern, über die derlei nachgeprüft werden kann.
Für Haiti zu spenden ist wichtig und hilfreich, jedoch Aufrufe dieser Art von Spam-Mails auseinanderzuhalten, ist die Aufgabe für den Internetnutzer. Dies wird immer gelten, bei jedem Erdbeben, jedem Tsunami, jedem weiteren Zeugnis über die Unordnung des sich erwärmenden Weltklimas. – Ein kritischer Geist, wem genau man denn sein Mitleid schenkt, sein Herz öffnet, seine Beträge überweist, ist hier von höchstem Wert: Selbst das FBI warnt vor Straftätern, die es hier versuchen – und schon einige Gutmütige gefunden haben.
(Quelle)
